Gestern mittag großes Kräfteaufgebot am Versuchsfeld: „Genrüben“ wurden unter Polizeiaufsicht ausgesät Besetzer räumten Camp, um es nebenan wieder aufzubauen UFFENHEIM (kls) - Unter Polizeiaufsicht begann gestern die Firma Monsanto mit der umstrittenen Aussaat genveränderter Zuckerrüben bei Uffenheim. Das Protest-Camp, das 20 Tage stand, räumten die Besetzer selbst ab. Gestern mittag zwölf Uhr: zahlreiche Polizeiautos - Pkws, Kleinbusse und auch Zivilfahrzeuge - fahren vor dem Versuchsfeld auf. Zufahrtswege werden gesperrt, jeder Ankommende kontrolliert. Am Camp marschieren etwa 30 uniformierte Frauen und Männer der Bereitschaftspolizei, einige mit Hunden, auf. Ihr Auftrag: dafür zu sorgen, daß die Aussaat ungehindert verlaufen kann. Auch Kräfte der Direktion Ansbach, der Inspektion Bad Windsheim und der Station Uffenheim sind anwesend. Über die genaue Zahl der Polizisten schweigt Einsatzleiter Werner Jakstat. „In ausreichender Stärke“ sei man präsent. Die meisten Demonstranten halten sich am Wegrand auf. Die Beamten werden mit einigen lauten Zurufen bedacht. Erregte Menschen versuchen Diskussionen. „Ihr schlagt die Falschen“, sagt eine Frau. Die wirklich Gefährlichen seien doch diejenigen, die mit Genversuchen die Natur kaputtmachen. Auch Bürgermeister Georg Schöck und VG-Kämmerer Rolf Klingler erscheinen am Feld. Schöck versucht zu vermitteln. Pfarrer Günter Reins aus Weigenheim, Kapitelsenior des evangelischen Dekanats Uffenheim, eilt herbei. Er will helfen, daß alles friedlich abläuft, besänftigt einige sehr aufgeregte Jugendliche. Eine Polizeikette postiert sich am hinteren Ende des Camps, denn auf der benachbarten, nicht besetzten, Parzelle soll zuerst gesät werden. Ein großer Traktor rollt am Horizont heran. Demonstranten pfeifen, trommeln und trompeten von draußen. Nach Anweisung von Projektleiter Dr. Andreas Thierfelder grenzen Mitarbeiter die Parzelle mit Kreidestrichen und rotweißem Band ein, setzen Markierungen. Der Traktor fräst das Feld. Eine junge Frau aus Reihen der Besetzer mit zwei kleinen Kindern schimpft derweil unablässig. Aus einem Auto am Wegrand erklingt Musik der einstigen Polit-Rockband „Ton, Steine, Scherben“. Die Demonstranten singen mit, besonders kräftig den Satz „aus dem Weg, Kapitalisten!“ Nach dem Traktor rollt ein fast unscheinbares vierrädriges Gefährt auf die abgesteckte Parzelle: die Sämaschine zieht einige Bahnen. Die „Genrüben“ sind im Boden. Während der Feldarbeiten vereinbaren der Polizeieinsatzleiter und der Leiter des Sachgebiets „öffentliche Sicherheit und Ordnung“ am Landratsamt Neustadt, Regierungsrat Christoph Hammer, mit Werner Hofmann, einem führenden Kopf der Demonstranten, daß die Besetzer das Lager selbst abräumen. BILD Kurz bevor ein heftiger Platzregen beginnt, ziehen die Maschinen nach hinten ab. Als der Regen nachläßt, packen Demonstranten zu, bringen ihre Habseligkeiten weg, bauen Zelte und Bretterverschläge ab. Es wird alles noch gebraucht. Denn das Protest-Camp soll in der Nähe, auf der Wiese eines Biobauern, wieder aufgebaut werden. Während des Abbaus kommt es zu einem Zwischenfall: ein Jugendlicher beschimpft einen Polizisten, wird unter Buhrufen und Pfiffen in einem Polizeibus weggebracht. „Dem sind halt die Nerven durchgegangen“, meint Werner Hofmann, der selbst nicht glücklich über das Verhalten des jungen Mannes ist. Feind sei nicht die Polizei, sondern die Genindustrie. Und gegen die wolle man weiterhin gewaltfrei demonstrieren und die Öffentlichkeit aufklären. Abgesehen von der einen vorläufigen Verhaftung verlief aber alles geordnet und friedlich, worüber auch die Polizisten sichtlich froh waren. Ein jüngerer Beamter meinte über seinen Einsatz in Uffenheim: „Es ist wie bei jedem Einsatz, hinter dem eine politische Entscheidung steht. Da kannst Du eine persönliche Meinung haben, wie Du willst. Du mußt einfach den Rechtsstaat vertreten.“ BU: Unter dem Schutz eines starken Polizeiaufgebots begann die Firma Monsanto mit der Aussaat genveränderten Zuckerrüben. Das Protest-Camp (links im Hintergrund) bauten die Besetzer selbst ab. Foto: Stäck FLZ Nr.104, Mittwoch 7. Mai 1997